Human First: Führung im Zeitalter von KI
Mein beruflicher Weg hat sich immer an der Schnittstelle zweier Welten bewegt, die lange Zeit eher getrennt voneinander betrachtet wurden: Technologie und Führung.
Mit meinem Hintergrund in Wirtschaftsinformatik bin ich in der Organisationsentwicklung gestartet. Dort habe ich Unternehmensprozesse analysiert, weiterentwickelt und in Richtung Automatisierung übersetzt. Dabei wurde mir schnell klar: Technologie und Prozesse sind spannend, aber der entscheidende Faktor in jeder Transformation ist der Mensch.
Diese Erkenntnis führte mich schließlich ins HR und von dort in die Führungskräfteentwicklung. Mein technologischer Hintergrund ist dabei nie verschwunden. Wenn es um HR-Software, Automatisierung oder digitale Lösungen ging, landeten diese Themen fast automatisch bei mir. Künstliche Intelligenz war deshalb für mich eine logische Weiterentwicklung.
Seitdem beschäftigt mich eine zentrale Frage: Wie können wir KI nutzen, um Führung nicht nur effizienter, sondern wirksamer zu machen?
Human first. AI enabled.
Wenn ich über KI und Führung spreche, steht ein Prinzip im Mittelpunkt meiner Arbeit: Human first. AI enabled. Ich halte wenig von den Extremen der aktuellen KI-Diskussion. Weder sollten wir künstliche Intelligenz romantisieren, noch glaube ich, dass Technologie den Menschen in absehbarer Zeit flächendeckend ersetzen wird.
Wovon ich überzeugt bin: Menschen, die kompetent mit KI arbeiten können und wollen, werden einen deutlichen Vorteil gegenüber jenen haben, die sich ihr verschließen. KI macht Wissen schneller verfügbar, vereinfacht Analysen und automatisiert operative Tätigkeiten. Genau dadurch steigt der Wert zutiefst menschlicher Fähigkeiten wie Urteilsvermögen, Verantwortung, Empathie, Vertrauen und echte Verbindung.
Je leistungsfähiger unsere Technologie wird, desto wichtiger wird unsere Fähigkeit, menschlich zu führen. Deshalb muss sich auch die Führungskräfteentwicklung gemeinsam mit KI weiterentwickeln. Die entscheidende Frage ist längst nicht mehr nur, welche KI-Tools Unternehmen einsetzen sollten. Viel wichtiger ist: Welche Kompetenzen brauchen Führungskräfte in einer von KI geprägten Arbeitswelt?
Der Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums zeigt, dass Leadership und soziale Einflussfähigkeit am stärksten an Bedeutung gewonnen haben – um 22 Prozentpunkte. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Maschinen mehr Aufgaben übernehmen als je zuvor.
KI in die Führungskräfteentwicklung integrieren
Heute konzentriert sich meine Arbeit auf die Entwicklung und Integration von KI-Lösungen für die Führungskräfteentwicklung.
Das reicht von AI Roleplays und AI Learning Coaches bis hin zu Lernformaten, in denen Führungskräfte lernen, KI sinnvoll in ihre tägliche Führungsarbeit zu integrieren. Dabei verbinde ich unterschiedliche Perspektiven. Ich arbeite als Consultant an der strategischen Konzeption, als Trainerin an der Vermittlung und gleichzeitig hands-on an konkreten KI-Anwendungen.
Gerade dieser Hands-on-Aspekt ist mir besonders wichtig. Ich möchte nicht nur über KI sprechen. Ich möchte selbst ausprobieren, Lösungen entwickeln und verstehen, was funktioniert und was nicht. Wenn ich über KI spreche, möchte ich wissen, wie sie funktioniert, wo ihre Grenzen liegen und unter welchen Bedingungen sie tatsächlich Mehrwert schafft.
Diese Verbindung aus technologischem Verständnis, Leadership-Expertise und praktischer Umsetzung ist der Kern meiner Arbeit.
AI Roleplays: Ein geschützter Raum für reale Führungssituationen
Ein Beispiel dafür, wie KI die Führungskräfteentwicklung unterstützen kann, sind AI Roleplays. Im Kern ist ein AI Roleplay ein digitaler Trainingspartner für reale Gesprächssituationen.
Stellen wir uns eine Führungskraft vor, die sich auf ein schwieriges Feedbackgespräch vorbereitet. Im AI Roleplay kann die KI die Rolle einer Mitarbeiterin übernehmen, während die Führungskraft das Gespräch führt. Sie kann Fragen stellen, auf Widerstand reagieren und unterschiedliche Kommunikationsstrategien ausprobieren.
Der entscheidende Vorteil liegt im geschützten Trainingsraum. Führungskräfte können Situationen mehrfach trainieren, verschiedene Vorgehensweisen testen und aus ihren Erfahrungen lernen, ohne dass ein nicht optimal geführtes Gespräch reale Konsequenzen hat.
Besonders wirksam wird das, wenn Szenario und Sprache an den jeweiligen Unternehmenskontext angepasst sind. Die Teilnehmenden sollten das Gefühl haben: „Ja, genau so könnte dieses Gespräch bei uns stattfinden.“ Anschließend kann die KI qualitatives und quantitatives Feedback geben und damit eine weitere Möglichkeit zur Reflexion und zum Lernen schaffen.
Vom KI-Tool zur integrierten Lernlösung
Wenn wir gemeinsam mit Kund:innen maßgeschneiderte AI Roleplays entwickeln, starten wir mit einem strukturierten Kick-off. Gemeinsam definieren wir den Use Case, die Zielgruppe, den Unternehmenskontext und die gewünschten Lernziele. Daraus entwickeln wir einen ersten Prototypen und gehen möglichst schnell ins Testen.
In iterativen Feedbackschleifen arbeiten wir gemeinsam mit der Kundschaft an Szenarien, Rollenlogik, Reaktionen und Sprache der KI. Auch hier ist Authentizität entscheidend. Die Erfahrung muss Situationen widerspiegeln, denen die Teilnehmenden tatsächlich in ihrem Arbeitsalltag begegnen.
Nach der Qualitätssicherung folgt der Rollout, häufig in Kombination mit einem Live-Leadership-Training. So wird aus einem KI-Tool eine skalierbare und integrierte Lernlösung für Führungskräfteentwicklung.
KI-Integration beginnt beim Problem, nicht beim Tool
Für mich beginnt die Integration von KI in bestehende Leadership-Programme nie bei der Technologie selbst. Sie beginnt bei dem Problem, das wir lösen wollen.
Je nach Lernbedarf können AI Roleplays den Transfer in den Führungsalltag unterstützen. AI Learning Coaches können Teilnehmende über eine gesamte Learning Journey begleiten, während Knowledge Bots Trainingswissen genau dann verfügbar machen können, wenn es gebraucht wird.
Parallel dazu müssen Führungskräfte AI Literacy aufbauen. In unseren Formaten zu Leading with AI arbeiten wir beispielsweise mit Tools und Frameworks wie dem AI Change Cycle, AI Transformation Maps oder einem AI Use Case Canvas.
Das Ziel ist nicht, dass Führungskräfte möglichst viele KI-Tools kennen. Es geht darum, ihre Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit in einer zunehmend von künstlicher Intelligenz geprägten Arbeitswelt zu stärken.
AI Transformation ist auch Change Management
Viele Unternehmen tun sich nach wie vor schwer damit, KI wirklich produktiv in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Die größte Herausforderung ist dabei selten die Technologie allein.
Schlechte Datenqualität, unklare Prozesse, überhöhte Erwartungen oder fehlende Akzeptanz können verhindern, dass aus Investitionen in KI tatsächlich ein Mehrwert entsteht.
KI ist weder Magie noch ein reines IT-Projekt. Sie verändert Arbeitsweisen, Rollen und Entscheidungsstrukturen. AI Transformation ist deshalb immer auch Change Management.
Menschen brauchen die richtigen Kompetenzen, konkrete Anwendungserfahrung und vor allem die Möglichkeit, KI selbst auszuprobieren. Aus meiner Erfahrung verändert sich die Haltung gegenüber KI häufig genau dann, wenn aus einem abstrakten Thema eine konkrete eigene Erfahrung wird. Über KI zu lesen ist das eine. Sie tatsächlich einzusetzen, um ein Problem zu lösen, sich auf ein Gespräch vorzubereiten oder einen Arbeitsprozess zu verbessern, ist etwas ganz anderes.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Führungsebene. Führungskräfte müssen den Umgang mit KI vorleben und gleichzeitig einen verantwortungsvollen Einsatz sicherstellen.
Warum HR und L&D die AI-Transformation mitgestalten sollten
Mein Rat an HR- und L&D-Verantwortliche ist einfach: Bleib neugierig und warte nicht, bis jemand anderes die Transformation für dich definiert.
Ich arbeite seit rund 15 Jahren im und mit dem HR-Umfeld, und Neugier war für mich immer eine der wertvollsten Kompetenzen. HR und L&D spielen bei der AI-Transformation eine Schlüsselrolle. Denn selbst die beste technologische Strategie bringt wenig, wenn Mitarbeitende sie nicht verstehen oder nicht anwenden können.
Deshalb sollte HR nicht erst dann ins Spiel kommen, wenn ein neues KI-Tool bereits kurz vor dem Rollout steht.
HR und L&D sollten viel früher dabei helfen, eine zentrale Frage zu beantworten: Wie wollen wir in Zukunft arbeiten, führen und lernen?
Mein Ansatz ist dabei sehr pragmatisch: Neues ausprobieren, Kompetenz aufbauen, klein starten – aber starten.
Die Zukunft der KI-gestützten Führungskräfteentwicklung
Ich glaube, dass wir in zwei oder drei Jahren deutlich weniger über „KI-gestützte Führungskräfteentwicklung“ sprechen werden, weil KI dann selbstverständlicher Bestandteil von Führung sein wird.
Wir werden deutlich agentischer arbeiten, und Führungskräfte werden nicht nur Menschen führen, sondern auch AI Agents orchestrieren.
Damit stellt sich eine wichtige Frage neu: Wie verteilen wir Aufgaben und Verantwortung zwischen Mensch und Technologie?
Gleichzeitig wird Führungskräfteentwicklung näher an den tatsächlichen Arbeitsalltag rücken. Vor einem schwierigen Gespräch könnte eine Führungskraft die Situation mit einem AI-Coach reflektieren oder unmittelbar davor in einem AI-Roleplay trainieren. Lernen wird damit genau dann verfügbar, wenn es tatsächlich gebraucht wird.
Je stärker KI Teil der Führung wird, desto wichtiger werden AI Literacy und ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten. Ein verlässlicher regulatorischer Rahmen wird dabei unabdingbar sein.
Und eine der zentralen Führungsaufgaben der Zukunft wird darin bestehen, bewusst zu entscheiden, was wir an Technologie delegieren und was zutiefst menschlich bleiben sollte.
Denn letztlich geht es bei der Zukunft von Führung nicht darum, sich zwischen Mensch und KI zu entscheiden. Es geht darum zu verstehen, wie Technologie uns unterstützen kann, während wir genau jene menschlichen Fähigkeiten bewahren und stärken, von denen gute Führung am meisten abhängt.

Johanna Glechner
Artificial Intelligence Solutions
Johanna Glechner verbindet einen Hintergrund in Wirtschaftsinformatik mit rund 15 Jahren Erfahrung in den Bereichen Personalwesen, Organisationsentwicklung und Führungskräfteentwicklung. Bei MDI Management Development International konzentriert sie sich auf die Entwicklung und Integration von KI-Lösungen für die Führungskräfteentwicklung – von KI-gestützten Rollenspielen und Lerncoaches bis hin zu KI-gestützten Führungskräfteentwicklungsprogrammen. Ihr Ansatz: Human first. AI enabled.
