Was, wenn KI uns nicht ersetzt – sondern uns in den Schatten stellt?
Am Wochenende habe ich mir ein zum Nachdenken anregendes Video von Rick Beato angesehen. (Den Link dazu findest du am Ende dieses Artikels.)
Für diejenigen, die ihn nicht kennen: Rick Beato ist Musiker, Produzent, Pädagoge, Gitarrist und einer der angesehensten Musikkritiker:innen auf YouTube. Mit mehr als 5 Millionen Abonnent:innen beschäftigt er sich seit Jahrzehnten damit, zu analysieren, was Musik bedeutungsvoll macht und warum manche Lieder Generationen überdauern.
Als Hobbygitarrist und jemand, der beruflich im Bereich Führungskräfteentwicklung tätig ist, erwartete ich eine weitere Diskussion über KI als Ersatz für menschliche Kreativität. Stattdessen hörte ich etwas viel Interessanteres.
Rick spricht aus Erfahrung.
Als er seine Karriere begann, war das Aufnehmen von Musik teuer. Studiozeit, professionelle Ausrüstung, Plattenlabels, Produzent:innen, Vertriebsgesellschaften und Radiosender fungierten als „Torwächter“. Nur eine relativ kleine Anzahl von Künstler:innen hatte Zugang zu einem weltweiten Publikum.
Dann veränderte die Technologie alles.
Digitale Aufnahmen senkten die Produktionskosten drastisch. Streaming-Plattformen ermöglichten praktisch jeder Person den weltweiten Vertrieb. Heute werden jedes Jahr Millionen von Songs nahezu kostenlos hochgeladen.
Das Ergebnis? Musik wurde zugänglicher als je zuvor. Doch es geschah noch etwas anderes. Die Herausforderung verlagerte sich vom Schaffen von Musik hin zum Entdecktwerden. Für viele Künstler:innen ist das größte Problem nicht mehr die Produktion. Es ist die Sichtbarkeit.
Ricks Argument lautet nicht, dass KI Musiker:innen überflüssig machen wird. Seine Sorge ist vielmehr, dass KI eine überwältigende Flut an Inhalten erzeugen könnte. Musikplattformen könnten mit vollkommen akzeptablen Songs übersättigt werden, die nahezu ohne Kosten generiert wurden. Die Herausforderung wird nicht mehr darin bestehen, Inhalte zu schaffen. Die Herausforderung wird darin bestehen, im Rauschen ein Signal zu finden.
Das brachte mich dazu, über unseren eigenen Berufsstand nachzudenken.
In den Bereichen Learning & Development, Führungskräftetraining, Beratung, Coaching und Sales Enablement senkt KI derzeit rasant die Kosten für die Erstellung von Inhalten.
Kurse.
Präsentationen.
Artikel.
Videos.
Assessments.
Simulationen.
Bald wird jede:r in der Lage sein, diese zu erstellen. Das eigentliche Unterscheidungsmerkmal dürfte nicht mehr die Erstellung von Inhalten sein. Es könnte vielmehr Folgendes sein:
- Originelles Denken
- Menschliches Urteilsvermögen
- Praxiserfahrung
- Vertrauen
- Authentizität
- Die Fähigkeit, Menschen dabei zu helfen, Komplexität zu verstehen
Mit anderen Worten:
Der zukünftige Wert des Menschen liegt möglicherweise nicht darin, mehr Informationen zu produzieren. Er könnte vielmehr darin bestehen, anderen dabei zu helfen, zu entscheiden, worauf es sich lohnt, zu achten. Vielleicht wird KI keine Welt schaffen, in der es zu wenig Wissen gibt. Vielleicht wird sie eine Welt schaffen, in der es viel zu viel davon gibt. Und in einer solchen Welt werden die wertvollsten Menschen nicht die besten Schöpfer sein. Es werden die besten Kurator:innen sein.
Was denkst du?
Wird KI in erster Linie Fachwissen ersetzen – oder wird sie vertrauenswürdiges menschliches Fachwissen wertvoller denn je machen?
Was mir an Rick Beatos Sichtweise besonders gefällt, ist, dass sie die Diskussion weg von der üblichen „KI gegen Menschen“-Erzählung lenkt. Stattdessen wirft sie eine strategischere Frage auf: Was passiert, wenn Überfluss zum Problem wird? In den Bereichen Führung, Vertrieb und Lernen könnte dies die Frage sein, über die es sich im nächsten Jahrzehnt zu diskutieren lohnt.

Martin Maglia
Leadership Trainer und MDI Partner
Martin Maglia ist Partner bei MDI, Führungskräftetrainer und Executive Coach mit mehr als 25 Jahren internationaler Erfahrung. Er hat bereits mit über 23.000 Teilnehmern in 50 Ländern zusammengearbeitet und ist auf Führungskräfteentwicklung, persönliche Effektivität und Teamleistung spezialisiert. Martin verbindet umfassende Geschäftserfahrung, akademisches Fachwissen und die Leidenschaft, Einzelpersonen und Teams dabei zu unterstützen, ihr volles Potenzial zu entfalten und bedeutende Ergebnisse zu erzielen.
