Use it or lose it: Wie KI und digitale Tools unser Denken verändern
Du reist nach Madrid und möchtest dich mit den Einheimischen unterhalten – stellst aber fest, dass dein rudimentäres Spanisch nach fünf Jahren ohne Übung praktisch nicht mehr vorhanden ist und du schon Schwierigkeiten hast, nach dem Weg zu fragen. Dann versuchst du, dich mit einem klassischen Stadtplan zurechtzufinden, und merkst, dass du ohne GPS-Navigation völlig verloren bist, wenn es darum geht, die nächste Tapas-Bar zu finden. Dieses Phänomen lässt sich in viele Richtungen erweitern: Deine körperliche Fitness verschlechtert sich ohne Bewegung rapide, und auch deine geistige Schärfe nimmt ab, wenn dein Alltag nur noch aus TikTok-Videos besteht. Ganz nach dem Motto: „Use it or lose it“ – sowohl Muskeln als auch Gehirn verlieren Fähigkeiten, wenn sie nicht genutzt werden.
Der Preis der Bequemlichkeit: Wie digitale Hilfsmittel unsere Fähigkeiten verändern
Diese natürliche Auslese unserer Fähigkeiten existiert natürlich seit Beginn der Menschheit und betrifft uns alle gleichermaßen. In den letzten Jahren hat sich unser Leben jedoch massiv verändert – vor allem in Bezug auf Komfort und das Auslagern von Wissen und Fähigkeiten. Besonders durch Apps wie Google Maps oder Funktionen wie Autokorrektur in Chatprogrammen müssen wir uns kaum noch anstrengen und verlieren dadurch nach und nach sowohl kognitive Fähigkeiten als auch praktische Fertigkeiten – unsere Handschrift spricht Bände.
Wahrscheinlich haben wir diese Entwicklung alle schon bei uns selbst oder anderen beobachtet. Doch ich habe mich oft gefragt, ob das nur ein subjektiver Eindruck ist oder tatsächlich ein reales Phänomen. Gibt es also belastbare Studien, die zeigen, dass die übermäßige Nutzung technischer Hilfsmittel langfristig unsere geistigen Fähigkeiten beeinträchtigt?
„Es gibt einen kontrovers diskutierten, aber weitgehend akzeptierten Konsens darüber, dass die zunehmende Nutzung von Navigationshilfen mit einem Rückgang unserer kognitiven Navigationsfähigkeiten einhergeht“, erklärte bereits 2023 PD Dr. Kai Hamburger vom Institut für Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dasselbe gilt für das Schreiben mit der Hand, das das Gehirn stärker aktiviert als Tippen. Lehrkräfte beobachten zunehmend, dass weniger Handschrift mit schlechterer Rechtschreibung zusammenhängt. Und regelmäßige GPS-Nutzung führt messbar zu schlechterem räumlichen Gedächtnis und einem schnelleren Verlust von Orientierungsfähigkeiten.
Künstliche Intelligenz und kritisches Denken: Werden wir geistig abhängiger?
So weit, so problematisch – doch seit 2022 haben wir einen neuen Sparringspartner in unserem Alltag, der uns viele Dinge erleichtert und Arbeit abnimmt: Künstliche Intelligenz (KI).
Im Vergleich zu Autokorrektur, Textvorschlägen oder GPS bieten KI-Tools eine enorme Bandbreite an Funktionen, die unser Leben tiefgreifend beeinflussen können. Das betrifft insbesondere kritisches Denken und bewusste Entscheidungsfindung, die wir zunehmend bereitwillig an KI delegieren. Statt selbst zu recherchieren, nutzen wir KI für Ideen, Texte und Problemlösungen. Wenn wir Entscheidungen und Bewertungen systematisch auslagern, trainieren wir unser eigenes Urteilsvermögen und unsere Kreativität immer weniger und begeben uns zunehmend in eine Abhängigkeit von KI.
Darüber hinaus kann KI – je nach Nutzung – auch erhebliche Auswirkungen auf unsere persönliche Entwicklung und unsere sozialen Kompetenzen haben. Immer mehr Menschen verwenden Chatbots, Avatare und soziale KI-Systeme als Gesprächspartnerin, Beraterin oder teilweise sogar als Freundin. Und weil KI in der Regel zustimmt und das tut, was man von ihr verlangt, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis wir verlernen, kritisch zu diskutieren, Konflikte zu lösen, Missverständnisse auszuräumen und echte Beziehungen sowie Empathie aufzubauen.
MIT-Studie zu ChatGPT: Was passiert im Gehirn bei der KI-Nutzung?
Medienwissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) führten 2025 eine Studie zu diesem Thema durch und veröffentlichten sie unter dem Titel: „Your Brain on ChatGPT: Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Tasks“.
An der kleinen Studie nahmen mehr als 50 amerikanische Erwachsene zwischen 18 und 39 Jahren teil. Die Teilnehmenden sollten über einen Zeitraum von vier Monaten vier Essays verfassen – entweder mit:
- ChatGPT
- einer Suchmaschine wie Google oder Yahoo!
- oder ausschließlich mit ihrem eigenen Gehirn (ohne Such- oder KI-Tools)
Mittels Elektroenzephalografie (EEG) wurde die Gehirnaktivität der Teilnehmenden aufgezeichnet, um ihre kognitive Aktivierung und den mentalen Aufwand während der Schreibaufgabe zu messen.
Bei den ersten drei Essays zeigte die ChatGPT-Gruppe eine geringere elektrische Konnektivität im Gehirn als die beiden anderen Gruppen. Auch die Suchmaschinen-Gruppe lag unter jener Gruppe, die ausschließlich selbst nachdachte.
Für den letzten Essay wurden die Gruppen getauscht: Die „Nur-Gehirn“-Gruppe durfte nun ChatGPT verwenden, während die bisherige ChatGPT-Gruppe ausschließlich selbst denken musste. Die Gruppe, die zuvor KI genutzt hatte, zeigte dabei deutlich geringere neuronale Aktivität als die ursprüngliche „Nur-Gehirn“-Gruppe in ihrer dritten Sitzung. Zusätzlich berichteten die Teilnehmenden von einem geringeren Gefühl persönlicher Verantwortung für ihre Texte und konnten sich schlechter an Zitate aus ihren eigenen Essays erinnern.
Welche Risiken entstehen durch eine übermäßige KI-Nutzung?
Laut einer Forschungsübersicht aus dem Jahr 2024 kann eine zunehmende Abhängigkeit von KI-Assistenten und digitalen Tools bei Aufgaben, die tieferes Denken erfordern, folgende Risiken mit sich bringen:
- Geringere mentale Aktivierung
- Vernachlässigung kognitiver Fähigkeiten wie Kopfrechnen oder Informationsabruf
- Nachlassendes Gedächtnis
- Kürzere Aufmerksamkeitsspannen und Konzentrationsprobleme
- Schwierigkeiten, Wissen auf neue Situationen anzuwenden
- Ethische und soziale Probleme wie weniger zwischenmenschliche Interaktion und soziale Isolation
- Psychische Belastungen wie sinkendes Selbstvertrauen
Macht KI uns wirklich dümmer?
Macht uns KI also unselbstständiger oder sogar dümmer?
Die Antwort lautet: Ja und nein. Eine übermäßige Nutzung und starke Abhängigkeit von KI-Technologie kann unser Verständnis und unsere kritischen Denkfähigkeiten erheblich beeinträchtigen – muss es aber nicht. Entscheidend ist immer, wie und wie oft KI genutzt wird.
Denn KI ist nicht grundsätzlich schlecht. Richtig eingesetzt kann sie Kreativität fördern, Lernen unterstützen und enorme Fortschritte ermöglichen. In Bereichen wie dem Krebsscreening kann KI sogar Leben retten.
Es geht daher nicht einfach darum, „weniger KI“ zu verwenden. Viel wichtiger ist, dass wir bei Aufgaben, die tiefes Denken erfordern, primär unser eigenes Gehirn einsetzen und KI höchstens unterstützend nutzen. Richtig angewendet kann KI sogar helfen, kreativer zu denken, neue Perspektiven zu entwickeln und effizienter zu arbeiten.
Wie wir KI sinnvoll nutzen können, ohne geistig abhängig zu werden
1. Erst selbst denken, dann KI nutzen
- Formuliere zuerst eigene Ideen oder Antworten und nutze KI erst danach zur Ergänzung oder als Gegenperspektive.
- Verwende KI als „Sparringspartner“, der alternative Sichtweisen oder zusätzliche Hypothesen liefert.
- Hinterfrage KI-Antworten bewusst: „Was stimmt daran? Was fehlt? Was sehe ich anders?“
2. KI als Einstieg in Recherche nutzen
- Nutze KI zur ersten Strukturierung oder Begriffsklärung und arbeite danach mit Studien, Fachtexten und Primärquellen weiter.
- Übe Quellenkritik, indem du KI-Antworten bewusst mit anderen Quellen vergleichst.
- Fördere metakognitives Lernen, indem KI-Antworten gemeinsam analysiert und hinterfragt werden.
3. KI für Analyse nutzen – nicht als Abkürzung
- Nutze KI, um Muster in großen Datenmengen oder komplexen Zusammenhängen schneller zu erkennen.
- Spiele Szenarien durch, etwa in Strategieprozessen oder im Change Management.
- Lagere repetitive Aufgaben wie Sortieren, Transkribieren oder Formatieren aus und behalte das eigentliche Denken selbst in der Hand.
4. KI als Ideengeberin statt Ideen-Ersatz
- Erstelle zuerst eigene Entwürfe und nutze KI anschließend für Variationen oder Beispiele.
- Nutze KI für Perspektivwechsel, indem du verschiedene Stakeholder-Sichten simulieren lässt.
- Verwende KI eher als Schreibcoach statt als Ghostwriter – du bleibst Autor:in, KI unterstützt lediglich.
5. KI als Assistenz – nicht als Autopilot
- Nutze KI als Unterstützung, nicht als Ersatz für deinen gesamten Denkprozess.
- Brain first, then prompt: Denke zuerst einige Minuten selbst nach, bevor du die KI fragst.
- Nutze KI gezielt bei komplexen oder zeitkritischen Aufgaben, erledige einfache Alltagsaufgaben jedoch weiterhin bewusst ohne KI, um grundlegende Fähigkeiten zu erhalten.
Die Zukunft der KI: Fortschritt oder Abhängigkeit?
Werden wir uns an solche Regeln halten? Manche Menschen, denen es wichtig ist, ihre Fähigkeiten aktiv zu trainieren und nicht vollständig von technischen Hilfsmitteln abhängig zu werden, werden KI sicherlich bewusst und reflektiert einsetzen. Für die Menschheit insgesamt sehe ich die Zukunft jedoch eher kritisch. Zu viele Erfindungen, die ursprünglich positiv gedacht waren, wurden in der Realität leider ins Gegenteil verkehrt.
Ein Beispiel dafür ist Alfred Nobels Erfindung des Dynamits. Ursprünglich wurde es entwickelt, um als sicherere Alternative zu Nitroglyzerin Tunnelbau, Straßenbau und Bergbau zu erleichtern und Menschenleben zu schützen. In der Realität wird Dynamit jedoch häufiger für Zerstörung und Krieg eingesetzt als für sinnvolle zivile Zwecke.
Was einst Brücken bauen sollte, zerstört heute oft Brücken.
Nicht zuletzt deshalb gründete Alfred Nobel später die Nobelstiftung, um seinen Ruf als „Händler des Todes“ zu relativieren und Menschen auszuzeichnen, die Herausragendes für die Menschheit leisten.
Möge auch KI in Zukunft mehr Nutzen als Schaden bringen – noch liegt es in unserer Hand.

Florian Biedermann
Learning & Development Consultant at MDI
Florian Biedermann ist Learning & Development Consultant bei MDI (Management Development Institute) – einem globalen Beratungsunternehmen, das Lösungen für die Entwicklung von Führungskräften anbietet. Sein Fokus liegt darauf, komplexe Sachverhalte verständlich zu machen und Menschen zum Denken – und zum Handeln anzuregen. Florian hat zuvor jahrelang als Autor und Manager im e-Learning-Bereich gearbeitet, nachdem er über ein Jahrzehnt als freier Journalist tätig war.
